Psychologische Praxis Marburg   Psychologische Praxis Marburg
Theorie und Behandlung von depressiven Erkrankungen


1. Diagnostik der unipolaren depressiven Störungen

Nach neueren Studien der WHO liegt die Wahrscheinlichkeit, innerhalb eines Jahres an einer schweren depressiven Episode zu erkranken in den westlichen Industrienationen bei 5- 10 %, weitere 3-5% erleiden eine leichtere Form. Die Wahrscheinlichkeit, irgendwann in seinem Leben eine schwere depressive Episode zu durchleiden liegt bei ca. 17%, Frauen sind etwa doppelt so oft betroffen wie Männer. Etwa 7-15% der Depressiven begehen Suizid und ca. 50% versuchen es, sich selbst zu töten (allein in Deutschland sind das nach Hegerl et al. ca. 11000 Suizide pro Jahr). Nach Comer sind alle Gesellschaftsschichten in etwa gleich stark betroffen, eine majore Depression beginnt am häufigsten zwischen dem 25. und 30. Lebensjahr. Die depressiven Symptome lassen sich fünf Unterkategorien zuordnen:

1. Emotionale Symptome
Niedergeschlagenheit, Leere, sich an nichts mehr freuen können, manchmal: Angst, Wut, Nervosität, häufiges Weinen, das nicht klärend wirkt

2. Motivationale Symptome
Totaler Interessenverlust, Lähmung des Willens (A.Beck), Mangel an Antrieb, Unternehmungslust, Spontanität

3. Veraltenssymptome
Dramatischer Abfall des Aktivitätsniveaus, langsame und schwunglose Bewegung und /oder Sprache, weniger Blickkontakte, Neigung allein zu bleiben

4. Kognitive Symptome
Negatives Selbstbild, sie halten sich für unzulänglich, minderwertig und böse, überzogene Schuldgefühle, negative Sicht auf die Zukunft, Schwächen im logischen Denken und in der Merkfähigkeit

5. Somatische Symptome
Kopfschmerzen, Verstopfung, Benommenheit, allgemeine Schmerzen, Appetit- und Schlafstörungen, ständige Müdigkeit


2. Entstehung/ Ursachen:

Psychologische Aspekte:
Zwei Ebenen:

1. Traumatische Kindheiserlebnisse
Depressive kommen mit Regelmäßigkeit aus Familien, in denen kein warmes, offenes, die Persönlichkeit förderndes Klima herrscht. Oft gibt es einen sehr dominanten Elternteil (von bestimmend bis körperlich und/oder seelisch brutal), der andere wird als schwach, nicht unterstützend, oder abwesend erlebt, nicht selten ist ein Elternteil früh verstorben, ist in einer Weise suchtabhängig oder psychisch krank(vgl. Erkenntnisse aus dem Kompetenznetzwerk Depression). In einer solchen Atmosphäre kann sich die Persönlichkeit des Kindes nicht adäquat entwickeln. Das Kind passt sich an, verzichtet auf wichtige Aspekte der eigenen Person, lebt in Ängsten.
Ein auf diese Weise vorbelasteter Mensch geht mit einer durch die frühen Traumatisierungen ausgelösten- so genannten Vulnerabilität oder Prädisposition zu einer späteren Depression ins Erwachsenenleben.

2. Aktuelle Auslöser
Können beispielsweise sein:
Trennung/Schwierigkeiten in der Partnerschaft
Schwere Krankheit
Tod eines Angehörigen
Naturkatastrophen oder schwere Unfälle
Mobbing


3. Personenzentrierte theoretische Ansätze zur Entstehung von Depressionen

Arbeitshypothese: Depressive leben in der inneren Gewissheit, dass sie mit ihrer Liebe in der Welt nicht ankommen und in der Verdichtung der Vergangenheitswahrnehmung- auch früher nie angekommen sind.

Kleiner Exkurs zur" Liebe":
Da wir im Folgenden immer wieder den Liebesbegriff verwenden werden, möchten wir vorab klären, was wir in der Arbeit mit Klienten unter Liebe verstehen: Liebe ist hier nicht gemeint im romantischen Sinn, als Liebe zwischen Frischverliebten beispielsweise. Liebe ist auch nicht gemeint als die reifere Form der Liebe zwischen zwei Menschen, auch nicht die Liebe zwischen Eltern und Kindern und auch nicht nur die so genannte professionelle therapeutische Liebe. Alle diese Liebesdefinitionen fallen zwar unter den hier gemeinten Liebesbegriff, sie füllen ihn jedoch nicht aus. Liebe ist hier gemeint als das gesamte konstruktive Aufeinanderzugehen von Menschen. Alle Handlungsweisen, Gefühle, Gedanken, Absichten, Wünsche etc, die dazu da sind, den Menschen und der Welt im Ganzen dienlich zu sein, bezeichnen wir als Liebe. Liebe ist hier also in einem sehr umfassenden Sinn gemeint.
Nun kann man beobachten, dass jeder Mensch intuitiv sofort weiß, was mit diesem Liebesbegriff gemeint ist, dass jedoch jeder ihn für sich persönlich unterschiedlich füllt. So erlebt einer sein Streben nach Gerechtigkeit als Liebe, ein anderer sein Engagement als Naturschützer und ein dritter seine künstlerische Ader, mit der er der Welt Bilder, Gedichte, Lieder etc. schenken kann, ein weiterer erlebt seine Großzügigkeit als Teil seiner Liebe, oder sein den anderen Menschen auf irgendeine Art behilflich zu sein etc. Je mehr die Menschen in Verbindung mit dieser ihnen eigenen Liebe sind, desto glücklicher sind sie und desto sinnerfüllter erleben sie ihr Leben.

Wenn der Depressive nun - wie postuliert- das Gefühl hat, mit seiner Liebe in der Welt immer falsch zu sein, so ist es die Aufgabe in der Therapie und somit die Lebensaufgabe, die sich dem Depressiven stellt, wieder anzufangen mit der Liebe in einer Welt, die als lieblos und sinnlos erlebt wird. Eine Aufgabe, die zunächst unlösbar erscheint.


4. Traumaorientierte Behandlung

In der Behandlung von Depressiven geht es darum, dass der/die Depressive sich wieder als Liebeswesen findet, also seine eigene Liebesfähigkeit erneut entdeckt, obwohl die eigene Liebe "nie" angekommen ist. Er kann hier erfahren, dass die eigene Liebesfähigkeit in Wirklichkeit ja gar nicht verloren gegangen, sondern noch vollkommen vorhanden ist.

Wie kann das konkret aussehen:
Wir gehen hier prinzipiell nach einem Dreistufenmodell vor.

1. Phase:
  1. In der Gruppen/ Einzelbehandlung wird zunächst ein "Liebesklima" hergestellt, die Gruppendynamik wird stark heruntergefahren.
  2. Die Depressiven machen, getragen durch den Therapeuten, eine Gegenerfahrung.
  3. Sie lernen: Ich bin Liebe, ich bin wichtig.
  4. Ich werde als Liebe, als "GUT" gesehen.
  5. Ich selber darf zu meiner eignen Liebe wieder dazugehören, ich muss nicht nur die anderen lieben und mich ausnutzen lassen.
  6. Ich darf, ich muss sogar für meine eignen Interessen sorgen, auch wenn dies nicht ohne Widerspruch abgeht (Bsp.: viele Depressive sind naiv, denken, dass alles leicht zu haben ist, wenn sie anfangen für ihre Rechte einzutreten).
Der Therapeut ist zunächst dazu da, eine konstruktive Sichtweise auf das Leben, die Welt, die Person... zurückzugeben und damit die Wirklichkeit ein Stück wieder geradezurücken.

2. Phase
  1. Die Verantwortung für das eigne Leben, die eigenen Handlungen, die Selbstliebe bekommt einen immer größeren Stellenwert.
  2. Sie können erkennen, dass es Situationen gibt, in denen die eigne Liebe ankommt und Resonanz erlebt und andere Situationen, in der die eigne Liebe zurückgewiesen wird, sie bleibt aber immer Liebe.
  3. Lernen, dass Liebe, die um sich selbst beraubt ist, immer kompensatorische Liebe bleibt und somit immer schwer ankommt. Der Depressive lernt also in erster Linie Selbstliebe.
  4. Verantwortlichkeit für sich selber und auch für andere sowie die Selbstverpflichtung, den eigenen Zielen künftig treu zu sein, spielet jetzt eine immer größere Rolle.
Dies ist auch die Phase, in der heftige, vorher dissoziierte Gefühle wie Hass, Wut, Trotz, Neid... wieder hochkommen. Das kann zu scheinbaren Rückschritten in der Therapie führen. Ein kleines Beispiel: Max entdeckt seine Gefühle vor allem seine Wut wieder. Er ist so berauscht davon, dass er z.B. auf der Arbeit ein kleiner Wüterich wird und sich wundert, dass die Kollegen es nicht so toll finden, plötzlich und unerwartet grob angepflaumt zu werden. Er begreift, dass er Verantwortung für sich und seine Handlungen übernehmen muss, dass das Wiedererleben der Gefühle zwar begrüßenswert ist, dass man Gefühle jedoch kultivieren kann und muss, um mit anderen ein gutes zwischenmenschliches Auskommen zu erleben. Das leuchtet ihm ein und er beginnt seine Gefühle zu kultivieren und kommt fortan besser mit den Kollegen aus.)

3. Phase:

Das eigentliche, persönliche Trauma auflösen
Die Klienten sind so in Selbstliebe gewachsen, dass sie sich zutrauen, den gewaltigen Selbstentwertungen, die sie persönlich erlebt haben in Liebe zu begegnen. Sie können sich immer tiefer selber als Liebe erleben.
Diese traumalösende Tiefenarbeit kann durch verschiedene Verfahren bewirkt werden:
Hartmann & Hartmann: Raumerleben
Brandon Bays: The Journey
Siegfried Petry: Begleitetes systematisches Wiedererleben (BSW)

In der Depressionsbehandlung kann man oft von einer sukzessiven Symptomreduktion sprechen, häufig verschwinden die Beschwerden auch für längere Zeit ganz. Die depressive Grundkonstellation eines Menschen bleibt jedoch aller Erfahrung nach bestehen d.h. bei einer weiteren Lebenskrise können erneut depressive Symptome auftreten, die dann wieder entsprechend behandelt werden müssen.

5. Fallbeispiel (Paul 48 Jahre)

Paul kommt mit einer langjährigen, mittelgradigen unipolaren Depression. Bei ihm sind folgende Symptome besonders ausgeprägt:
Schwermütigkeit und spürbare Schwere, Antriebslosigkeit. Er habe keine Freude mehr im Leben, er leide unter Schlafstörungen und Schuldgefühlen, besonders seinen Söhnen gegenüber, die bei seiner geschiedenen Frau lebten, er habe ein sehr vermindertes Selbstwertgefühl, wünsche sich eine neue Beziehung, wisse aber nicht, wie er eine attraktive Frau an sich binden soll, weiterhin leide er unter Panikattacken, Kontrollzwängen, diffusen Ängsten... .Er habe das Gefühl völlig leer zu sein und nichts mehr geben zu können. Er habe sehr häufige Suizidgedanken, habe aber noch keinen Versuch unternommen, sich das Leben zu nehmen.
Bis ca. zu seinem 35. Geburtstag habe er ein scheinbar normales Leben geführt, durch verstärkte Ehekrisen sei er dann in völlige Depressionen verfallen. Trotz allem ist bei Paul ein inneres Strahlen, eine Helligkeit und Wärme, die durch alles durchscheint, unverkennbar.
Paul kommt zu mir in die Gruppe, später auch 14-tägig in die Einzelbehandlung.
Theoretisch betrachtet kann Paul als ein "Paradebeispiel" für die Entwicklung einer schweren Depression gelten: In seiner Kindheit wird er von der Mutter in Einheit mit der älteren Schwester systematisch kleingehalten. Von allen Dingen des alltäglichen Lebens wird er ferngehalten (das kannst du nicht, dazu bist du zu klein, wer so etwas macht ist böse...).So darf er sich beispielsweise nicht selber den Po abwischen bis er 10 Jahre alt ist. Seine komplette kindliche Bereitschaft seine Liebe zu zeigen wird so vernichtet. Auch in der Schule habe er nichts zustande bekommen (das kannst du nicht, dazu bist du zu dumm...), eine höhere schulische Laufbahn sei ihm so systematisch ausgeredet worden. Als besonders perfide habe er die religiös verbrämten Verbote und Bestrafungen erlebt (pass auf, Gott sieht alles, wenn du jetzt nicht brav bist, kommst du in die Hölle etc). Den Vater habe er als zwar liebevoller, aber der Mutter gegenüber völlig machtlos und unterwürfig erlebt. Er sei oft traurig und abgewandt gewesen.
In der Therapie entdeckt Paul zunächst, dass er sich innerlich, tief in sich selbst, als einen hellen, positiven Menschen erlebt. Allein kann er diesen angenehmen kraftvollen Zustand (ich könnte Bäume ausreißen) zwar noch nicht halten, aber die nur tristen, depressiven Zustände werden schon durchbrochen. Er erlebt sich unter Anleitung immer wieder als kraftvoll und merkt, dass seine Mutter es nicht wirklich geschafft hat, ihn klein zu kriegen. Er fängt langsam an , wieder für sich zu sorgen und sich als liebevollen Menschen (z.B. seinen Söhnen gegenüber) wiederzuentdecken.
Dann entdeckt Paul seine Gefühle wieder, vor allem seine Wut, seinen Hass, die aggressiven Anteile, die er immer, weil als böse tituliert, verleugnen mußte. Paul beschwert sich zunächst permanent über die fortgesetzten, nicht nachlassenden Attacken seiner Mutter auf ihn. Nach und nach erkennt er, dass seine Mutter mit den Angriffen nicht aufhören wird und dass die Angriffe auch nicht das absolut Schlimme sind, er lernt, dass es einen Unterschied macht, wie er sich dazu verhält. Dazu entwickeln wir das Spielchen Paul versus Paulchen. Paul nimmt Verantwortung und geht in die Welt mit seiner Liebe, Paulchen fühlt sich klein und schwach und hat nichts zu geben. Das ist ein sehr lustvolles Spiel, bei dem oft nur ein Wort fallen muss: Paul oder Paulchen. Er lernt, dass er nicht immer Paul sein muss, dass das Leben in Eigenverantwortung jedoch viel genussvoller ist.

Als "Paul"
  1. bläst er seiner Mutter mehrfach gewaltig den Marsch und erkennt, dass sie heute eine schwache, orientierungslose alte Frau ist, die seine Führung braucht.
  2. nimmt er seine Söhne zu sich, denen es bei der Ex-Ehefrau nicht gut geht
  3. spricht er eine Frau an und findet so eine neue Lebenspartnerin
Paul lässt sich sehr tief auf sich selbst und seine abgespaltenen Gefühle ein, so findet er in der Tiefenarbeit die Trauer um seinen Vater wieder, die er 30 Jahre nicht leben konnte, er lässt sich auf seine Wut und seinen Hass auch auf verschiedene Ängste ein und findet sich immer tiefer als Liebeswesen, als das er in der Welt leben möchte.

Zum Seitenanfang


[ Datenschutzerklärung ]