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Behandlung von Lern- und Leistungsstörungen


Entwicklungspsychologische Grundgedanken

Kinder und Jugendliche mit massiven Lern- und Leistungsstörungen blicken auf eine längere Entstehungsgeschichte dieser Schwierigkeiten zurück.
Lernprobleme entwickeln sich meist nicht von heute auf morgen, sondern sind das Ergebnis negativer, kumulierender Entwicklungen im Sinne eines Teufelskreises, der zu immer tieferen und umfassenderen Problemlagen führt.
So kann das Erleben von Überforderung bzw. Unterforderung oder Vernachlässigung in sozial-emotionalen und kognitiven Hinsichten die kindliche Selbstentwicklung erheblich stören oder behindern.


Relevanz sicherer Bindungen

Von zentraler Relevanz für eine ungestörte Lernentwicklung ist der Aufbau sicherer Bindungen durch verlässliche Bindungs- und Beziehungsangebote. Sie bilden die Grundlage für eine spätere gelingende Autonomieentwicklung. Günstige Entwicklungsbedingungen führen zu einem positiven Selbstkonzept, d.h. zur Erfahrung eigener Handlungsfähigkeit und Selbstwirksamkeit. Das Kind lernt sein Verhalten immer besser zu steuern und mit andrängenden Impulsen regulierend umzugehen, d.h. nicht jedem Impuls wird sofort nachgegeben, sondern das Kind entwickelt die Fähigkeit, Verhalten bewusst zurückzuhalten, abzuwarten, Vergangenes und Zukünftiges in sein gegenwärtiges Handeln einzubeziehen. Ein so zu umsichtigem und Regel geleitetem Handeln fähiges Kind wird sich auch im Kontakt mit anderen angemessen verhalten und sich problemlos in Spiel- und Lerngruppen integrieren können. Sein Verhalten ist für sich selbst und andere durchschaubar, verständlich und nachvollziehbar, daher können gelingende Beziehungen aufgebaut und gehalten werden.

Auf der Basis dieses positiven Selbsterlebens kann es sich ungestört neuen Lernanforderungen zuwenden und sich bei aufkommenden Schwierigkeiten angemessen artikulieren und geeignete Hilfsangebote für sich nutzen.


Auswirkungen von Bindungsstörungen auf die Lernentwicklung

Ein Kind, dessen Entwicklung nicht in dieser Weise harmonisch und sicher gebunden erfolgen konnte, das daher in Belastungssituationen leicht in Stress und Überforderungserleben gerät und dann zu Überreaktionen und Blockierungen neigt, wird es schwerer haben, sich seinen Bezugspersonen verständlich zu machen und deren aufbauende Bestätigung zu erhalten, die es zur Entwicklung seines positiven Selbstkonzeptes dringend benötigt.

Kann es aufkommende Gefühle und Handlungsimpulse nicht altersgemäß regulieren, so zieht dies häufige Konflikte mit den Personen seines Umfeldes nach sich, wodurch innere Spannung und Selbstunsicherheit weiter zunehmen.
Es zweifelt an seiner Wirksamkeit, da sein Handeln nicht die erhofften Reaktionen bei anderen hervorruft, sondern zu vermehrter Kritik und Sanktionen führt. Zunehmender Spannungsaufbau mit gleichzeitiger Entwicklung von Vermeidungsverhalten und Angstabwehrverhalten können hinzukommen.


Aufbau von Abwehrstrukturen gegenüber Überforderung

Die Folge davon ist, dass das Kind innere Abwehrstrukturen aufbaut, um überfordernd erlebte Situationen und Konflikte vor sich selbst und anderen zu verbergen.

Diesem unbewusst eingesetzten Abwehrverhalten bis hin zu dissoziativem Erleben, d.h. einer Veränderung des Bewusstseinszustandes (neben sich stehen, ausblenden), kommt in bedrängter Lage eine wertvolle selbstschützende Funktion zu. Es ist eine angemessene Notlösung des in Not befindlichen Kindes und führt zu entsprechender emotionaler Entlastung.


Negative Folgen häufiger dissoziativer Abwehr

Kommt es im Zuge der empfundenen dissoziativen Erleichterung zu immer häufigerer Anwendung dieses Abwehrverhaltens, ohne dass eine entsprechende aktuelle Überforderungssituation vorliegt, wirkt das Verhalten auf Außenstehende und auch auf das Kind selbst unverständlich und unangemessen, d. h. die Symptombildung wird in ihrer kompensatorischen Funktion nicht mehr verstanden. Daneben "verlernt" das Kind regelrecht, Situationen in adäquater Differenziertheit wahrzunehmen und zu deuten.
Auch erhält das Kind keine Anleitung, wie es in Stresssituationen angemessen und wirklich lösungsorientiert mit Überforderungen umgehen kann. So beginnt es seine Symptombildung weiter auszubauen, bis es schließlich zur Ausbildung manifester, chronifizierter Störungsbilder kommt. Innerhalb dieser fatalen Entwicklung eckt das Kind ständig und überall an, da sein unangepasstes Verhalten als störend empfunden wird. Es erntet Kritik, schließlich Ablehnung und sogar Ausgrenzung.


Entstehung weiterer Konflikte

Im Kontakt mit seinen Bezugspersonen können Konflikte durch gegenseitige emotionale Überforderung derart eskalieren, dass sich das Kind in ihm wichtigen Werten regelrecht vernichtet fühlt. Es kommt zu traumatischen Beziehungserfahrungen.
Da sich das Kind beispielsweise in einer Situation, in der es auf alles ankommt, also in einem Augenblick höchster Not, nicht mehr zu helfen weiß, erlebt es sich zusätzlich auch als eine Person, die sich zu wehren weiß, zusammengebrochen.

Diese doppelte innere Vernichtung führt im Bewusstsein des Kindes zu einem Schockerleben, das das Kind innerlich erstarren lässt und zur Lähmung seiner geistigen Handlungsfähigkeit bzw. seiner geistigen Spannung führt.
D.h. in den betroffenen Hinsichten ist das Kind kaum zu selbstreflexivem Erleben und somit auch nicht zu Äußerungen über seine Befindlichkeit in diesen Hinsichten fähig. Der Verstehensprozess ist dem Kind durch die Erstarrung nicht mehr möglich.

Nach einiger Zeit beginnt das Kind mit den typischen Reaktionsbildungen im posttraumatischen Prozessgeschehen. Es entwickelt kompensatorische Symptomatiken, um vor den überfordernden Erfahrungen zu fliehen und sich zu schützen.


Gleichzeitigkeit von Vermeidung und Annäherung

Gleichzeitig findet man eine zunehmende Ambivalenz bei den Betroffenen, sich den Überforderungserlebnissen doch stellen zu wollen, um das Erlebte endlich zu verarbeiten und zu bewältigen. Da beide Tendenzen, Vermeidung und Annäherung, zugleich und meist auch mit gleicher Intensität auftreten, kommt es zu einem -womöglich jahrelangen- unverstandenen auf der Stelle treten.

Diese Ambitendenz seelisch verletzter Kinder und Jugendlicher erklärt, warum sie sich zum Beispiel so hartnäckig und langfristig Lernanforderungen verweigern.


Lernen bedeutet sich Einlassen können auf Neues

Lernen wäre nicht Lernen, wenn es sich nicht um die Aneignung von Neuem, zuvor nicht Gekonntem handelte.
Dies intendiert, dass sich ein Lernender Neuem zuwenden können muss und die Grenze vom Bekannten zum Neuen aushalten und annehmen kann.
Lernen ist also immer mit einem Überschreiten von Grenzen verbunden, in dem sicheren Bewusstsein, dass sich einem das Neue, Unbekannte schon erschließen wird.


Missdeutung von Nichtwissen als Versagen

Erlebt ein Schüler aufgrund traumatogener Erfahrungen nun gerade sein Nichtwissen als unhaltbar und bewertet er sein Nichtwissen als unverzeihliches Versagen, so wird er neue Lernerfahrungen bestmöglich vermeiden.
Seine Angst, mit Neuem, Unüberschaubaren, somit auch Unkontrollierbarem und Uneinschätzbaren konfrontiert zu werden, lässt ihn früher oder später einen weiten Bogen um Klassenzimmer und Schulgebäude machen.

Natürlich kann er seinen Lehrern, Eltern und Mitschülern dies nicht verständlich machen, da er seine Schwierigkeiten im Umgang mit dem Nichtwissen vor sich selbst intensiv flieht und selbstreflexiv keinen Zugang finden kann. In dieser Hinsicht versperrt ihm die immer noch bestehende Lähmung seiner geistigen Spannung die Erkenntnis. So kann er, gefragt nach den Gründen für etwaiges Schulschwänzen, keine überzeugende Erklärung geben, sondern lässt seine mittlerweile chronifizierten Kompensationsmuster sprechen, d.h. er äußert sich in Form sekundärer Neurotisierungen durch die Ausbildung unterschiedlicher Lernstörungen, Verhaltens- und emotionaler Störungen.


Entschlüsseln „unerhörten” Verhaltens

Gerade in der Anfangsphase der Behandlung von Lernstörungen nimmt ein tieferes Entschlüsseln dieses "unerhörten Verhaltens" der Schüler einen breiten Raum ein. Mit einem Schüler, der noch nicht weiß, wie er mit seinem Nichtwissen umgehen kann, macht es wenig Sinn, neue Lerninhalte zu erarbeiten, da die Lernverweigerung auch bei sorgfältigster Unterrichtsgestaltung vorprogrammiert bliebe.


Lerntherapeutischer Zugang bei Lernverweigerung und Lernblockaden

Den therapeutischen Zugang zu verabsolutiertem Erleben, welches beispielsweise einen Zustand des "Nichtwissens" als Untergang bewertet, kann eine Lernanforderung bieten, die absichtlich eine offenkundige Überforderung oder eine ebenso offensichtliche Unterforderung darstellt.

Der Schüler wird z.B. aufgefordert, einen Text in arabischer Schrift von rechts nach links vorzulesen. Diese ganz offensichtlich nicht leistbare Überforderung wird dadurch entlastend wahrgenommen, dass sich der Schüler dieses "Nichtwissen" viel eher verzeihen kann und es ohne seine ansonsten sofort auftretenden Versagens- und Schuldgefühle erlebt.

So gelingt es, den objektiven Tatbestand des Nichtwissens bezüglich arabischer Schreibweisen intensiv und ernsthaft zu thematisieren und eine reflektierende Auseinandersetzung mit der Zuschreibung, Nichtwissen sei doch unverzeihlich, anzubahnen.

Auch die folgenden Anforderungen könnten weiterhin deutlich überfordernd sein, nähern sich aber entsprechend der gewachsenen inneren Toleranz gegenüber überfordernden (oder unterfordernden) Aufgaben mehr und mehr realistischeren Aufgabenstellungen an. Schließlich werden übliche schulische Lernanforderungen eingefordert. Innerhalb dieses lerntherapeutischen Weges wird immer wieder die innere Befindlichkeit des Schülers zum Thema gemacht und vom Schüler sehr bewusst wahrgenommen.

Durch diese Form der Bearbeitung seiner zuvor geflohenen Erlebenshinsichten innerhalb einer auf ihn zugeschnittenen Anforderungshierarchie erfährt der Schüler ein intensives Wahrnehmungstraining, das sich genau auf den Punkt bezieht, den er zuvor als vermeintlich unaushaltbare Konfrontation bewertete.
Im selbstidentischen und selbstbewussten Erleben, dass sein Nichtwissen notwendiges "Durchgangsstadium" zu neuer Erkenntnis darstellt, kann der Schüler im Anschluss an die lerntherapeutische Intervention Lernen als reizvolle Herausforderung annehmen, die Erfolgs- und Wachstumsmöglichkeiten bietet. Der Schüler kann erfahren, dass er durch das Annehmen von Lerngrenzen durchaus in der Lage ist quasi über sich selbst hinauszuwachsen.
Diese selbstbewusst gemachten Erfahrungen haben Beweischarakter, sie sind evident.

Nun kann er sich darin üben, die Verantwortung für seine neuen Lernerfahrungen selbst bestimmt zu übernehmen, d.h. er hat die Wahl, ob er im Bewusstsein, annehmend mit Nichtwissen umgehen zu können, bleiben möchte oder ob die alten, verabsolutierten Wahrnehmungen doch wieder Platz greifen sollen.

Diese für ihn zentrale Fragestellung wird in der Lerntherapie immer wieder thematisiert, um fest verankertes Erfahrungswissen werden zu können, welches auch in Stresssituationen seinen Evidenzcharakter behält, also auch unter großer emotionaler Belastung trägt.

Im Zuge der Wiedergewinnung der Selbstreflexionsfähigkeit in den zuvor traumatisierten Hinsichten wird ein Selbstverstehen mehr und mehr möglich.

Gleichzeitig werden bestehende Verhaltensauffälligkeiten als nunmehr anachronistische Ersatzlösungen erkannt und immer weniger wichtig, d.h. das Verhalten des Kindes oder Jugendlichen wird situationsangemessener und intrapsychisch regulierbarer und besser steuerbar.

Damit ist auch der Weg gebahnt für gelingende, authentische Kommunikation.
Durch zunehmende Erfolge im zwischenmenschlichen Bereich sowie des neu gewonnenen Zugangs zu Lerninhalten durch Abbau von zuvor bestehenden Lernblockaden, werden zunehmend "klassische" übende lerntherapeutische Verfahren und Methoden eingesetzt, um spezifische Lernlücken zu schließen und individuelle Wissensdefizite auszugleichen.

Die psychologischen Interventionen finden Anwendung, wenn bestehende Erlebensgrenzen den Zugang zu erfolgreichem schulischen Lernen verhindern. Da sich im Laufe der lerntherapeutischen Arbeit immer wieder neue Lerngrenzen zeigen - wenn auch im Laufe der Entwicklung auf weniger generalisiertem Niveau - werden die psychologischen Interventionen immer wieder notwendig, und zwar in der jeweils neuen, nun andrängenden Hinsicht.

Anschließend sei hinzugefügt: Je jünger die Schüler, desto systemischer die Therapie.
D.h. während der Lerntherapeutischen Behandlung besteht parallel eine unterstützende Elternarbeit, um entwicklungshemmende Kommunikationsmuster aufzuweichen und neue Wege familiärer Beziehungsgestaltung auszuprobieren und festigen zu können.

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